Liebe Leserinnen und Leser,

„Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“, so läuteten gesellschaftliche Umbrüche in den 70er Jahren die Energiewende ein.

Nina Gladitz stellt in ihrer Dokumentation 1976 eindrücklich dar, was die Bürger im Kampf gegen das geplante AKW im badischen Wyhl bewegte. Sie fühlten sich ihrer Heimat beraubt, in ihrer Lebensgrundlage bedroht, und es waren nicht nur linke Aktivisten, sondern konservative Weinbauern, die gegen die Energiepolitik der Landesregierung protestierten. Die Atomkraftgegner kamen aus allen politischen Lagern und vereinten sich über die deutsch-französische Grenze hinweg. Getroffen hat man sich im Gemeinschaftshaus, manchmal zu Blasmusik und Festtagsbraten. Ähnliche Szenarien gab es auch andernorts, wie in Kalkar.

Der Schnelle Brüter scheiterte unter anderem am Widerstand, der übrigens sehr kreativ war. Die Straßenmusikanten erlebten eine Renaissance. Transparente, Plakate und Handzettel wurden mit Buntstiften, Kleber, handschriftlich oder mit Schreibmaschine hergestellt, meistens in Gruppenarbeit und ohne Werbeagentur. Zur großen Demo 1977 kamen Aktivisten aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich und ganz Westdeutschland, von Baden bis Hamburg.

Demonstration gegen den Schnellen Brüter in Kalkar 1977. © Manfred Scholz/Fotoarchiv Ruhr Museum

Wahrscheinlich lief nicht immer alles so harmonisch ab, wie es im Nachhinein scheint oder in Filmen und von Zeitzeugen dargestellt wird. Mich beeindruckt aber, dass sich viele Menschen unterschiedlicher Auffassung in einer Anti-AKW-Bewegung zusammenfanden, Bürger gegenüber dem Staat ein Selbstbewusstsein entwickelten, vorort Demokratie und ein vereintes Europa gelebt wurde, wie es sich heute so mancher Politiker bundesweit wünschen würde.

Ihre Regina Weber

P.S.: Am 13. April veranstalten wir von 18 – 21 Uhr im LVR-Industriemuseum dazu ein Erzählcafé und einen Liederabend mit Künstlern und Aktivisten der Anti-AKW-Bewegung gestern und heute, zu dem Interessierte herzlich eingeladen sind: http://www.industriemuseum.lvr.de/de/energiewenden_2/veranstaltungen_1/events/events.html

Strahlende Zukunft? Deckelsegment des Reaktordruckbehälters vom Atomkraftwerk Würgassen. © Jürgen Hoffmann, LVR-Industriemuseum