Liebe Leserinnen und Leser,

ich komme gerade von einer Rundtour durch den Wissenschaftspark Gelsenkirchen. Wir nehmen seit vielen Jahren an der Earth Hour teil und schalten die aus farbigen Leuchtstoffröhren bestehende Installation des berühmten Lichtkünstlers Dan Flavin und die gesamte Außenbeleuchtung des Gebäudes für eine Stunde aus. Die Installation taucht unsere 300 Meter lange Glasfassade in grünes und blaues Licht und strahlt über den See am Wissenschaftspark weit hinein in den Stadtteil Ückendorf. Die auszuschaltenden Sicherungen sind über die gesamte Länge des Gebäudes verteilt und ich hatte unterwegs Gelegenheit, über den Sinn der Aktion nachzudenken.

Foto: Designfaktor

Foto: Designfaktor

Für eine Stunde das Licht ausschalten – was soll das bringen? Selbst wenn sich fast 400 Städte in Deutschland und Millionen von Menschen weltweit an der immer noch wachsenden Aktion beteiligen – ist es nicht überflüssige Symbolik angesichts unseres ungebremsten Energiehungers und der weltweit immer noch steigenden CO2-Emissionen? Ist die Aufbruchsstimmung nach Abschluss des Pariser Klimavertrags Ende 2015 nicht längst verpufft und der Klimaschutz auf der politischen Bühne zurück in die zweite Reihe verbannt? Auch halbherzige Bekenntnisse auf politischen Ebenen, die kein ausreichendes Gegengewicht zu kompletten Klimaschutz-Verweigerern à la Trump darstellen, lassen leider keinen anderen Schluss zu. Und das, obwohl die Zeit zum Handeln immer knapper wird, wenn die Erwärmung wie in Paris beschlossen auf 1,5 Grad beschränkt werden soll.

Es braucht also dringend neue Impulse für den Klimaschutz. Diese sind in den nächsten Jahren angesichts wachsender Spannungen, Handelsauseinandersetzungen und einer schwachen EU aber kaum von der internationalen Ebene oder den Nationalstaaten zu erwarten. Umso wichtiger wird (einmal mehr) das Engagement auf lokaler Ebene – von Kommunen, Unternehmen und Zivilgesellschaft. Die zahlreichen von der KlimaExpo.NRW auf diesen Seiten gesammelten guten Beispiele („Schritte“) zeigen, dass wir dafür nicht auf bessere Rahmenbedingungen warten müssen. Schon heute können wir mit Klimaschutz – je nach Perspektive – Geld verdienen, unsere Wirtschaft zukunftsfähig machen und unsere Wohn- und Lebensqualität steigern.

Dem Wissenschaftspark wurde der Klimaschutz durch das bei Inbetriebnahme vor mehr als 20 Jahren weltweit größte Dach-Solarkraftwerk in die Wiege gelegt. Solarstromerzeugung im Ruhrgebiet? Was damals von vielen – insbesondere den Stromriesen – milde belächelt wurde, wird heute zum Mainstream. Fast sieben Prozent des Stroms in Deutschland kamen 2017 von der Sonne, alle Erneuerbaren zusammen kamen auf über 36 Prozent und lagen damit erstmals praktisch gleichauf mit der Stromerzeugung aus Kohle. So gesehen: Vielleicht wird es ja doch noch was mit der Energiewende?

Foto: Stadt Gelsenkirchen

Foto: Stadt Gelsenkirchen

Wir machen jedenfalls weiter mit dem Klimaschutz – zum Beispiel, indem wir die Stadt Gelsenkirchen bei der Fortschreibung ihres Klimaschutzkonzepts unterstützen oder in unserem Schülerlabor EnergyLab den Nachwuchs für die Energiewende fördern und diese Konzepte auch in andere Länder tragen (aktuell z.B. nach Griechenland). Im Wissenschaftspark selbst nutzen wir den Klimaschutz zur Mieterbindung: Bereits seit drei Jahren steht für die Mieter ein Elektrofahrzeug zur kostenlosen Nutzung bereit. Für dieses Jahr haben wir uns das Thema Fahrradmobilität vorgenommen: Ab dem Frühjahr stellen wir ein ebenfalls kostenlos entleihbares, für die Mitnahme in Bussen und Bahnen geeignetes Faltrad zur Verfügung. Außerdem wollen wir einen großen Fahrradkeller mit Umkleiden, Duschen und Lademöglichkeiten für E-Bikes einrichten.

Die Earth Hour ist eine gute Gelegenheit, den Blick auf das vielfältige Engagement in Sachen Klimaschutz vor Ort zu lenken und die Kräfte zu bündeln – hier in Gelsenkirchen und in den vielen Teilnehmerstädten weltweit. Sie ist im besten Falle also beides: Symbol und Impuls zur Transformation.

 

Ihr Wolfgang Jung