Liebe Leserinnen und Leser,

ich war 500 km Radfahren. Viele fragen dann nach, wie die zwei Wochen Rennradurlaub auf Mallorca waren. Wenn ich dann ergänze, dass es Ende Oktober 2017 war und durch die nass-kalten Niederlande bei mächtig Gegenwind ging, ich auf dem Lastenrad unterwegs war und eine Menge Fracht als Zusatzgewicht transportiert und nur fünf Tage gebraucht habe, dann hält man mich wahrscheinlich für verrückt. Dabei hat es mir noch nie mehr Spaß gemacht, etwas für den Klimaschutz, bewussten Genuss und nachhaltigen Transport zu tun. Das hier ist die Geschichte der #Schokofahrt.

Aber Eines nach dem Anderen. Als Besitzer eines Lastenrades und engagierter Ehrenamtlicher in der freien Lastenradinitiative „Lasse – dein Lastenrad für Münster“ weiß ich, welchen Beitrag zum Klimaschutz diese Räder leisten können. Ich erfahre in meinem Alltag, dass ich mit dem Lastenrad häufig schneller, flexibler und ganz nebenbei auch nachhaltiger unterwegs bin. Dass Lastenräder eine große Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten haben und vor allem im städtischen Umfeld den perfekten Ersatz für ein Auto bieten, ist vielen längst klar. Wer kein eigenes hat, leiht es sich bei einer der inzwischen über 70 freien Initiativen in ganz Deutschland kostenlos aus.

Aber wie sieht es auf den wirklich langen Strecken aus? Überregional und sogar länderübergreifend? Spätestens hier stoßen Fahrräder an ihre Grenzen, sollte man meinen. Dass dem nicht unbedingt so ist, hat die #Schokofahrt nun schon zwei Mal gezeigt und wird es an Ostern 2018 wieder tun. Im vergangenen Herbst machte ich mich zusammen mit 26 RadfahrerInnen aus 5 verschiedenen Städten von Münster aus auf den Weg nach Amsterdam, um von dort aus Schokolade nach Deutschland zu transportieren.

„Warum ausgerechnet Schokolade?“, könnte man fragen. Im Vergleich zu den meisten Süßigkeiten hat diese Schokolade ein besonderes Merkmal: Sie wurde zu 100 % emissionsfrei transportiert. Der Kakao, aus dem sie hergestellt wird, stammt aus der Dominikanischen Republik, wo er unter ökologischen und fairen Bedingungen angebaut und gehandelt wird. Von dort aus gehen die Bohnen auf die Reise nach Europa und zwar ausschließlich mit Windkraft: Mit dem Frachtensegler Trés Hombres werden die wertvollen Güter aus der Karibik über den Atlantik bis nach Amsterdam geschifft. Dort angekommen, wird der Kakao von einer kleinen Manufaktur zu feinster Schokolade verarbeitet. Angesichts des vorangehenden 7.000 km-Segeltörns liegt die Idee nahe, auch die letzten paar hundert Kilometer emissionsfrei zu gestalten – per Pedalkraft!

Fotos: Simon Chrobak / Lasse – dein Lastenrad für Münster

Mit diesem Ziel machte ich mich zusammen mit einer bunt gemischten Gruppe auf den 500 km langen Weg. Mit dabei waren von Aktiven verschiedener Lastenradinitiativen über begeisterte Radreisende bis hin zu Mitgliedern der Slowfood Bewegung Menschen mit den verschiedensten Motivationen. Den insgesamt 13 Lastenrädern wurde dabei die Hauptlast der Schokolade aufgeladen, es gab aber auch Teilnehmende, die die Strecke mit dem 8-Gang-Hollandrad bewältigt haben. Nach 5 Tagen waren wir wieder zuhause. Auf dem Domplatz in Münster wurde die Fracht bereits sehnsüchtig erwartet. Nach einem erleichterten In-die-Arme-fallen und einem „Wir haben das wirklich gemacht!“ wurde der Transportauftrag dann zu Ende geführt: Die Leckereien verteilten wir an die verschiedenen Einzelhändler weiter, wo sie anschließend käuflich zu erwerben waren.

Und was jetzt? Da die Schokolade überall schnell ausverkauft war und das Interesse an der Aktion weit über Münsters Stadtgrenzen hinausging, fahren wir an Ostern wieder nach Amsterdam. Und viele folgen unserem Beispiel: Inzwischen kündigen über 100 Aktive aus fast 30 Städten in ganz Deutschland und sogar Österreich an, ebenfalls an Ostern nach Amsterdam zu fahren, Tendenz steigend. Unser Ziel ist dabei nach wie vor: Zeigen was geht und was Lastenräder können, ein wundervolles Luxusgut – Schokolade – emissionsfrei transportieren, einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und ganz nebenbei eine geile Zeit mit Freunden auf dem Rad haben.

Die #Schokofahrt entsteht durch die regionale Vernetzung von Fahrradbegeisterten und Initiativen und beruht auf deren Selbstorganisation in den jeweiligen Städten und Regionen. Dabei habe ich festgestellt, dass die beste Werbung für klimafreundliche Fahrradmobilität und die Wertschätzung für besondere Lebensmittel genau darin liegt: auf lokaler Ebene Menschen zu vernetzen und gemeinsam mit ihnen ein tolles Erlebnis im Sattel zu teilen. Wie ihre Reise verläuft, entscheiden alle Fahrenden selbst: vom gemütlichen Radurlaub mit 50 – 60 km am Tag bis hin zum Schokoexpress, der Strecken um die 300 km non-stop am Stück absolviert. Aber egal ob fieser Gegenwind, Sturmböen von der Seite, niederländischer Frühlingsregen oder kalte Finger: Wer mit alten und neuen Freunden eine solche Tour für die gute Sache macht, kann nur Spaß dabei haben.

Mehr über die Schokofahrt: www.schokofahrt.de

Zur Schokofahrt-Facebook-Seite www.fb.com/schokofahrt

Zum YouTube-Teaser